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Rezension: Keine Macht der Ohnmacht

  • 27. März
  • 2 Min. Lesezeit

Es ist die gefühlte Selbstunwirksamkeit, die der Autor als eine Hauptursache für die Unterstützung von Rechtspopulisten vermutet. Die Ohnmacht der Bevölkerung aktuellen Krisen gegenüber wird von ihm als Katalysator ausgemacht. Und das mit historischem Vorbild. Mit Erich Fromm, der 1937 die Verzweiflung der krisengeprägten Zwischenkriegszeit in Deutschland als Faschismustreiber ausmachte, befragt Quent im Hier und Jetzt des Jahres 2025 mittels einer Onlinebefragung 1066 Personen zu ihrem Umgang mit heutigen Krisen. Covid-19, Ukrainekrieg, Klimakrise, Nahostkonflikt, Terroranschläge in Deutschland – seine Liste ist länger.


„Was kann man schon gegen so viel Krise tun?“ Quent argumentiert, dass im demokratischen System die begrenzte Ohnmacht des Einzelnen normal ist. Das müsse man aushalten lernen. Eine Demokratie vermittle den Bürger:innen nicht das Gefühl, der Souverän zu sein – es weckt im Einzelnen nicht eine „Illusion der Allmacht“ (S. 230). Rechtspopulist:innen wissen darum und richten sich in ihrer Gegenwartspolemik daher gezielt an die Emotionalität der Wähler:innen. Aber führen die Emotionen der Bürger:innen auch zu konsistenten Handlungen?

Dieser Frage geht der Autor methodisch nach. Er isoliert in seiner Umfrage eine signifikante Dysbalance zwischen Emotion und Verhalten bei Krisen. Vereinfacht gesagt: „Das Gefühl will, aber der Mensch tut nicht.“ 


Der Grund dafür ist schnell gefunden: Die eigene Ohnmachtserfahrung führt zum Handlungsunwillen. Hier sieht Quent einen Grund für die Unterstützung autoritärer Positionen – gleichsam als Bewältigungsstrategie individueller Überforderung. Im Folgenden gruppiert Quent die Umfrageergebnisse, orientiert an evolutionsbiologischen Studien zur menschlichen Reaktion auf Gefahren, in vier Verhaltensmuster: Angriff, Flucht, Erstarren und Anpassung. Idealtypisch entwickelt er im Hauptteil des Buches Geschichten um Persönlichkeitsnarrative, die er den Gruppen aus den Befragungsergebnissen zuweist; er nennt es „forschungsbasiertes Storytelling“ (S. 13).


Im Verlauf des Buches folgen wir neun idealisierten Biografien, die als Gisela, Fatima oder Holger ein spezielles Gruppenverhalten repräsentieren sollen. Der Autor macht dabei aus seiner persönlichen Sympathie für einzelne Zugänge kein Geheimnis und empfiehlt, wie wir den „Ohnmachtsprofiteuren“ (S. 224) begegnen sollten. Zwar „solle man keine Milliardäre entführen“, aber eine „unbekümmerte Schamlosigkeit“ (S. 259) und eine unbedingte praktische Aktivität für das Gemeinwohl entwickeln. Demokrat:innen sollten sich auf konkrete Veränderungen im Kleinen konzentrieren und er rät zum Gebrauch von „aktivierender Sprache“. Die Zivilgesellschaft müsse sich auf eine mögliche rechtsextreme Regierung vorbereiten, damit sie handlungsfähig bleiben kann; sie müsse mit ihren Projekten aus den Metropolregionen raus, damit sie insgesamt sichtbarer werde.


Matthias Quent ist Professor für Soziologie an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Anfang des Jahres erschien sein Buch „Keine Macht der Ohnmacht. Wie wir Krisen bewältigen und uns gegen Faschismus wehren“. Es ist ein „Mut-Mach-Buch“, in dem geübte Leser:innen gar nicht so viel Neues erfahren.


Tobias Banaszkiewicz, B3-Institut


Matthias Quent: Keine Macht der Ohnmacht. Wie wir Krisen bewältigen und uns gegen Faschismus wehren | Strategien gegen Resignation und Rechtsruck. München: Piper Verlag 2026.

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