Rezension: Die neue autoritäre Linke
- vor 7 Tagen
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Offen über die sogenannte neue autoritäre Linke zu schreiben, ist nach wie vor ein Drahtseilakt. Zwar gewinnen entsprechende Gruppierungen und Konflikte insbesondere in urbanen Zentren zunehmend an Sichtbarkeit, eine differenzierte öffentliche Auseinandersetzung ist jedoch bisher noch zu selten. Umso bemerkenswerter ist daher Nicholas Potters Buch, das breit medial rezipiert wird. Potter, der sich selbst als politisch links sozialisiert verortet (S.11), geriet durch seine Berichterstattung aus und über Israel für die taz und die Jüdische Allgemeine selbst ins Visier propalästinensischer Aktivistengruppen. In Berlin tauchten sogar Plakate auf, auf denen er sich mit dem roten Hamas-Dreieck als Angriffsziel markiert sah. Dieses Symbol findet sich auch auf dem Cover des Buches wieder und verweist auf den persönlichen Ausgangspunkt seiner Analyse.
Ausgehend von diesen Erfahrungen untersucht Potter, wer diese Akteure autoritärer linker Strömungen sind. Er recherchiert, wie sie sich organisieren und vernetzen und welche Rolle soziale Medien, Hochschulmilieus und aktivistische Szenen für ihre Verbreitung spielen. Er arbeitet heraus, wie die Mechanismen von Einschüchterung und moralischer Delegitimierung ein Problem für die demokratische Gesellschaft bilden. Die in elf Kapitel gegliederte journalistische Spurensuche durch unterschiedliche Milieus rekonstruiert nicht nur die umfassenden Netzwerke, sondern auch internationale Zusammenhänge.
Die große Stärke des Buches liegt in seiner Anschaulichkeit. Potter macht – auch durch seine eigene Betroffenheit – eine Entwicklung sichtbar, die bislang noch zu oft verharmlost wird. Die Interviews und Fallbeispiele vermitteln einen konkreten Eindruck davon, wie autoritäre Dynamiken den demokratischen Diskurs durch Einschüchterungsversuche, Reframing und moralische Absolutheitsansprüche torpedieren.
Die betonte Perspektivität des Autors ist dabei Stärke und Schwäche zugleich. Die eigene Betroffenheit verschafft seiner Untersuchung zwar Dringlichkeit und Emotionalität, beeinflusst jedoch stark die Darstellung der Beispiele. Bisweilen gerät so die für eine ausgewogene Analyse nötige Differenzierung aus dem Blick. Innerlinke Gegenpositionen und Widersprüche erscheinen dann vor allem als Kulisse für die (manchmal fassungslose) Beschreibung autoritärer Gesinnungen. Die Begrifflichkeiten und Konzepte bleiben trotz einer expliziten Auflistung (S. 19) leider recht unscharf. Potter ist dort am stärksten, wo er Problemlagen sichtbar macht und seine konkreten Erfahrungen schildert. Weniger überzeugen kann dagegen seine Antwort auf die Frage, wie demokratische Gesellschaften auf diese Art von Bedrohung reagieren können. Das angekündigte Nachdenken über gesellschaftliche Handlungsspielräume in Kapitel 10 („Die geforderte Gesellschaft“) fällt erneut in eine Problembeschreibung zurück.
Der Wert des Buches für die Präventionsarbeit liegt daher auch gerade in der Sensibilisierung für konkrete Dynamiken und weitreichende Netzwerke. Potter beschreibt nachvollziehbar, wie seine Berichterstattung linksautoritäre, antisemitische Feindbilder provozierte und wie massiv der Druck und die Mobilisierung dieser Gruppen in sein Leben hineinwirkt. Mit diesem Buch gelingt es ihm, das Bedrohungspotenzial der „Neuen Autoritären Linken“ in den gesellschaftlichen Diskurs zu bringen. Seine Stärke liegt in der Schilderung konkreter Erfahrungen autoritärer Dynamiken und es leistet mit der konkreten Adressierung eines zwar nicht völlig neuen, aber aktuell neu aufflammenden Phänomens einen starken Beitrag.
Nicholas Potter: Die neue autoritäre Linke. Eine akute Bedrohung für die demokratische Gesellschaft, München 2026.
Ulrike Geisler, B3-Institut


