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Zum Einstieg: Eine kleine Extremismus-Bibliografie

  • 8. Dez. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 22. Juli

Wer im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek nach dem Stichwort „Extremismus“ sucht, findet mehr als 1.900 Titel. Wissenschaftliche Suchmaschinen, die auch Fachartikel und Sammelbandeinträge erfassen, liefern noch einmal deutlich mehr Ergebnisse.  


Grund genug für uns, eine kleine Auswahl zu treffen. Wir stellen euch Titel vor, mit denen wir selbst intensiv und fruchtbar gearbeitet haben: weil sie uns den Phänomenbereich übersichtlich strukturieren, Radikalisierungsprozesse verständlich machen oder dazu anregen, vertraute Begriffe und Perspektiven kritisch zu hinterfragen. Im Laufe der kommenden Monate werden Stück für Stück weitere Titel hinzukommen, die dann auch etwas ausführlicher besprochen werden.  


Sechs dieser Titel empfehlen wir euch heute zum Einstieg: 

 

 

Das Handbuch bietet einen fundierten Einstieg in das Thema Radikalisierungsprozesse im Jugendalter. Radikalisierung wird dabei als relationales Konzept verstanden: Was als problematisch gilt, hängt auch vom jeweiligen gesellschaftlichen Umfeld ab. Der Band arbeitet überwiegend phänomenübergreifend. Zwei der 20 Beiträge befassen sich ausdrücklich mit Linksextremismus. Hilfreich sind zudem Beiträge zu jugendlichen Entwicklungsprozessen, die Rolle von Peer-Groups und Gruppendynamiken.  


Forschungsergebnisse werden verständlich und mit Blick auf die Präventionspraxis vermittelt. Ein stärkerer Einsatz von Grafiken und Schaubildern hätte den Zugang für Praxisakteure erleichtert, denn viele Texte bleiben trotz ihrer Praxisorientierung akademisch anspruchsvoll.   

 


 

Zu diesem Handbuch greifen wir, wenn wir uns einen breiten und vor allem systematischen Überblick über die Extremismusprävention in Deutschland verschaffen bzw. gezielt in einzelne Arbeitsfelder einsteigen wollen. Es führt von grundlegenden Begriffen und Radikalisierungsprozessen über verschiedene Extremismusformen bis zu Evaluation, Praxiskonzepten und Präventionsstrukturen. Dank der klaren Gliederung und des Schlagwortregisters eignet es sich auch gut zum gezielten Nachschlagen. Besonders hilfreich ist die Verbindung wissenschaftlicher Grundlagen mit Erfahrungen und Fragen aus der Praxis. Zu bedenken ist, dass der Band vom Bundeskriminalamt herausgegeben wurde, dadurch teilweise sicherheitsbehördlich gerahmt ist und die Präventionslandschaft auf dem Stand von 2020 beschreibt. 

 

Der Band ist besonders hilfreich, wenn sicherheitsbehördliche Begriffe, Kategorien und Bewertungsmaßstäbe für die eigene Arbeit erschlossen werden sollen und liefert einen Eindruck, wie die Kriminalistik auf den Phänomenbereich und Radikalisierungsprozesse schaut. Die freiheitliche demokratische Grundordnung bildet durchgehend den klaren Maßstab, an dem die verschiedenen Phänomenbereiche eingeordnet und bewertet werden. Dabei ist der Blick erfreulich breit und bezieht unterschiedliche Formen politisch motivierter Kriminalität ein. Die eindeutige Orientierung an der fdGO lässt allerdings wenig Raum für Grautöne: Doch was die Analyse an manchen Stellen verkürzt, sorgt an anderer Stelle aber gerade für die nötige Klarheit. Besonders hilfreich sind die transparenten und gut nachvollziehbaren Fallbeispiele. Trotz des inzwischen nicht mehr durchgehend aktuellen Forschungsstands bleibt der Band ein nützliches Überblickswerk, etwa für die Vorbereitung von Inputs und Referaten. 


Der Band gehört für uns zu den grundlegenden Überblickswerken zum Linksextremismus in Deutschland. Pfahl-Traughber behandelt den Phänomenbereich in großer Breite: von ideologischen und historischen Grundlagen über Akteure und Handlungsfelder bis zur Einschätzung von Gefahrenpotenzialen. Dabei verfolgt er den Anspruch, weder zu dramatisieren noch zu verharmlosen, und arbeitet Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu anderen Extremismusformen heraus. Die klare und kleinteilige Gliederung eignet sich sowohl für eine erste Orientierung als auch zum gezielten Nachschlagen. Zu berücksichtigen ist, dass die zweite Auflage 2020 erschienen ist und neuere Entwicklungen daher nicht mehr erfasst. Pfahl-Traughber greift aktuelle Debatten jedoch regelmäßig in frei zugänglichen Beiträgen auf, unter anderem für die Bundeszentrale für politische Bildung. 

 

Wer sich mit der klassischen deutschen Extremismustheorie auseinandersetzen möchte, findet in diesem Handbuch einen fundierten und umfangreichen Einstieg. Eckhard Jesse gehört gemeinsam mit Uwe Backes zu den prägenden Vertretern dieses Forschungsansatzes – hier bekommt man Extremismustheorie also gewissermaßen aus erster Hand. Im Mittelpunkt stehen unterschiedliche Konzepte, Erscheinungsformen und Ursachen von Extremismus sowie der demokratische Verfassungsstaat als gemeinsamer Bewertungsmaßstab. Der vergleichende Ansatz wird häufig mit dem Bild des Hufeisens veranschaulicht: Rechts- und Linksextremismus unterscheiden sich ideologisch deutlich, können aber strukturelle Gemeinsamkeiten in ihrer Ablehnung demokratischer Prinzipien aufweisen. Diese Perspektive ist einflussreich, wird jedoch auch kontrovers diskutiert. Das Handbuch eignet sich vor allem zum gezielten Nachschlagen und zur Vorbereitung theoretisch fundierter Inputs.


Nachtrag: Inzwischen liegt eine aktualisierte und erweiterte dritte Auflage von 2026 vor, die Entwicklungen bis zur Bundestagswahl 2025 berücksichtigt. 

 

 

Als kritisches Kontrastprogramm zur klassischen Extremismustheorie setzt sich dieser Sammelband mit Gleichsetzungen von links und rechts und insbesondere ablehnend mit dem Hufeisenmodell auseinander. Die Beiträge zeigen nachvollziehbar, welche politischen Verkürzungen entstehen können, wenn sehr unterschiedliche Ideologien und Gefahrenlagen vorschnell auf eine Stufe gestellt werden. Wer die zivilgesellschaftliche und sozialwissenschaftliche Kritik am Extremismusbegriff und dem Phantom der „bürgerlichen Mitte“ kennenlernen möchte, findet hier reichlich Material. Allerdings wird die Debatte in vielen Beiträgen so zugespitzt, meinungsstark und teilweise ideologisch geführt, dass die analytische Überzeugungskraft darunter leidet. Zudem bleibt leider offen, wie aktuelle problematische Entwicklungen von autoritären, antisemitischen oder gewaltorientierten Strömungen innerhalb linker Milieus alternativ eingeordnet werden könnten.  


Für ein ausgewogenes Urteil empfehlen wir daher: beide Perspektiven lesen und selbst abwägen. 


Ulrike Geisler, B3-Institut

 

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