Rezension: Akadamischer Antisemitismus

Antisemitismus ist ein irrationales Ressentiment. Es hat einerseits seinen Ursprung im Denken des Antisemiten selbst und ist andererseits seit Jahrhunderten tief in der Mitte der Gesellschaft verankert. Diese Grundannahme haben alle Autorinnen und Autoren im vorliegenden Sammelband gemein und fragen weitergehend, welche Faktoren auf den Antisemitismus in und aus akademischer Sicht maßgeblichen Einfluss nehmen. Mehr noch, sie postulieren, dass Antisemitismus in Teilen der Wissenschaft selbst reproduziert und legitimiert wird – vor allem dort, wo postkoloniale, macht- und identitätstheoretische Zugänge auf den Nahostkonflikt angewendet werden. Die zehn (deutschsprachigen) Beiträge betrachten die These aus verschiedenen disziplinären Blickwinkeln: Die Spanne reicht von der Ideengeschichte und der kritischen Theorie über die Ethnologie und das Völkerrecht bis hin zur Genozidforschung, der Islamwissenschaft und den Queer Studies. Dazu nimmt es fast durchgängig Bezug auf die Konfliktlage im Nahen Osten und den sich darum rankenden Diskursraum.
Der konzeptuelle rote Faden, der sich durch fast alle Beiträge zieht, ist das „manichäisches Einfallstor“. Dieses diagnostische Muster wird gleich im ersten Beitrag zur postkolonialer Israelfeindschaft aufgegriffen. Es nimmt an, dass postkoloniale Theorie mit einer binären Opfer-Täter-Logik arbeitet, die auf den Nahostkonflikt übertragen zwangsläufig Israel in die Täterrolle und die Palästinenser in die Opferrolle sortiert – unabhängig vom konkreten historischen Befund. Das Problem ist ein Kategoriensystem, das für Antisemitismus strukturell anfällig macht, weil es keine Leerstelle für "Juden als Opfergruppe" vorsieht, sobald Israel als Aggressor kodiert ist. Dieses Argument ist analytisch nicht ganz neu. Es deckt sich mit älterer Kritik an Edward Saids Orientalismus-Konzept, wird hier aber konsequent durch mehrere Disziplinen durchdekliniert.
Was leistet der Band? Eine ideengeschichtliche Tiefenbohrung reflektiert, wie sich der "Antisemitismus" innerhalb der Linken von Marx über Lenin und Stalin bis zur bundesrepublikanischen Nachkriegsdebatte verschiebt – von Religions- und Kapitalismuskritik zu Israelkritik, die klassische antisemitische Ausformungen (abstrakte, verschwörerische Macht) im neuen Gewand des Antiimperialismus weiterträgt. Verweise auf Adorno, Horkheimer, Marcuse und Löwenthal – deren Verhältnis zum Zionismus differenzierter war, als es heutige Debatten wiedergeben – sind historisch fundiert und machen eine innerlinke Differenzierung sichtbar, statt nur "die Linke" pauschal zu adressieren. Empirisch belegt und differenziert dargestellt werden die Wurzeln des dem Islam vermeintlich genuin innewohnenden Antisemitismus und es werden erhellende völkerrechtliche Aspekte diskutiert, die die aktuelle Situation aus globalen Perspektiven skizzenhaft darstellen.
Was fehlt dem Band? Ein Buch, das Wissenschaft vor Ideologisierung schützen, das methodisch kritisches und abgewogenes Denken fördern will, hätte zumindest an einer Stelle zeigen können, wie eine nicht-ideologische Kritik an israelischer Politik aussehen könnte, ohne in "Israelfeindschaft" zu fallen. Diese Grenzziehung wird vorausgesetzt, aber nicht geleistet, was die sich beim Lesen deutlich einstellende Einschätzung stärkt, dass der Band mehr Positionsbestimmung als offene Untersuchung sein will. Der Band ist dort am stärksten, wo er historisch-genealogisch arbeitet oder empirisch belastbare Kategorien liefert.
Andreas Jacobs; Richard Ottinger (Hrsg.), Akademischer Antisemitismus. Wie Forschung und Lehre Judenhass begründen und verbreiten, Berlin/Leipzig 2026.
Tobias Banaszkiewicz, B3-Institut



